„Seit der Mensch Mensch ist, behandelt er seine Umwelt. Es ist die Hand, mit ihrem den übrigen Fingern entgegengestellbarem Daumen, welche das menschliche Dasein in der Welt kennzeichnet. Diese dem menschlichen Organismus eigentümliche Hand begreift Dinge. Die Welt wird von der Hand als dinglich begriffen. Und nicht nur begriffen: Die von der Hand begriffenen Dinge werden herangeholt, um umgeformt zu werden.“
– was Vilem Flusser hier grundlegend beschreibt, darüber reflektiert das Künstlerduo zweintopf in seiner künstlerischen Arbeit. Ihre materielle Sensibilität begeistert sich für das Darüberhinaus, das Als-ob, das Eben-doch-auch. Hier werden die Dinge weitergeformt, werden Bedeutungen und Funktionen verschoben. Ob im Fichtenwald, im städtischen Raum oder in der Waschküche legen zweintopf Hand an kulturhistorisch wie kapitalistisch geprägte Bodensätze des menschlichen Lebens. Und haben ihre Freude dabei.
Ein Rundgang durch die Ausstellung:
Raum 1
In hands on hands off zweintopf wird das Vertraute zum Ausgangspunkt kleiner Verschiebungen. Seit 2006 arbeiten Eva und Gerhard Pichler als zweintopf mit Alltagsgegenständen, Materialien und vorgefundenen Situationen, denen sie durch minimale Eingriffe neue Bedeutungen geben.
Die gezeigten Arbeiten folgen diesem Prinzip auf unterschiedliche Weise: In hände gestern werden Waschrumpeln durch Wiederholung und Ausschnitt zur beinahe zur abstrakten, rhythmischen Struktur mit verblüffender räumlicher Wirkung. Eine zweite Werkgruppe zeigt Interventionen an Kunst-am-Bau-Skulpturen. Diese im Rahmen verschiedener Residencies entstandenen Arbeiten gehören zu einem wichtigen Werkkomplex von zweintopf: Kleine, gezielte Ergänzungen reichen aus, um das Vorgefundene aus seinem gewohnten Zusammenhang zu lösen und eine neue, teils aberwitzige Lesart entstehen zu lassen.
Im Zentrum des Raumes schweben die Mobiles gebrauchte hände I und II. Hände aus unterschiedlichen Materialien werden zu Werkzeug, Geste und Objekt zugleich – und greifen damit das zentrale Motiv der Ausstellung auf: Greifen, Eingreifen, Umformen und Loslassen.
Raum 2
Im zweiten Raum rückt die Serie T.T. in den Mittelpunkt: Gebrauchte Partyzeltstangen werden zerschnitten, neu geordnet und gerahmt. Aus Elementen einer temporären Architektur entstehen abstrakte lineare Kompositionen – das funktionale, schmucklose Objekt verliert seinen ursprünglichen Zweck und wird zum Träger einer neuen ästhetischen und inhaltlichen Bedeutung.
Auch tok tok lebt von einer ebenso einfachen wie absurden Verschiebung: Ein gusseiserner Türklopfer trifft auf eine massive Steinkugel – eine Einladung zum Anklopfen an etwas, das weder Tür noch Eingang besitzt. Die vertraute Geste des Klopfens läuft ins Leere und wird gerade dadurch neu lesbar: als spielerische Irritation von Funktion, Erwartung und Gebrauch. Zugleich fordert die Arbeit beinahe unwillkürlich zur Berührung auf und führt damit das Motiv der Hand als handelndes, prüfendes und eingreifendes Werkzeug weiter.
In Zen-Konsumismus (gelb/weiß/grau) schließlich trifft ein aus dem öffentlichen Raum vertrauter Steinturm auf die Bildwelt des Konsums. zweintopf lässt dabei die westliche Logik des Immer-mehr-Wollens auf die buddhistische Idee von Genügsamkeit und innerer Zufriedenheit treffen – mit dem für ihre Arbeiten typischen Wechselspiel aus Alltäglichem, Absurdität und Gesellschaftskritik.
Raum 3
In der Serie im Gehölz gefriert ein Strahl durchziehen Partyzeltstangen den Nutzwald und verbinden sich zu fragilen Linien und räumlichen Zeichnungen zwischen den Bäumen. Das standardisierte Industrieprodukt trifft auf eine ebenfalls vom Menschen geordnete Natur – Konstruktion und Landschaft beginnen sich ineinander zu verschränken. Der Wald wird dabei nicht nur zum Motiv, sondern zum Atelier und unmittelbaren Bestandteil der Arbeit.
Auch in momentmonument tauchen fragile, geometrische Konstruktionen inmitten von Wiesen und Landschaft auf – diesmal aus weißen Strohhalmen. Die beinahe architektonischen Gebilde besitzen keine Funktion und wirken zugleich fremd und erstaunlich selbstverständlich in ihrer Umgebung. Gerade dieses Schweben zwischen Konstruktion und Auflösung, Dauer und Vergänglichkeit ist charakteristisch für die Arbeiten von zweintopf.
Mit Das große Rasenteppichstück wird schließlich auch die Kunstgeschichte selbst zum Material: Albrecht Dürers berühmte Naturstudie Das große Rasenstück von 1503 wird auf einen Teppich übertragen und von einem Betonrohr unterrollt. Aus der minutiösen Beobachtung von Natur wird ein Gebrauchsgegenstand, auf den wiederum ein Element aus der Welt des Bauens trifft – eine für zweintopf typische Verschiebung zwischen Hochkultur und Alltag, Natur und menschlicher Zurichtung.